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BMEL-Kongress: Zucht und Erhalt alter und bedrohter einheimischer Nutztierrassen -Interview mit Dr. Teresa Dohms-Warnecke: „Zucht ist kein Selbstzweck“

Bonn (fn-press). Das World Conference Center Bonn war Schauplatz des ersten nationalen Kongresses zur Zucht und Erhalt alter und bedrohter einheimischer Tierrassen des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Das BMEL verfolgt das Ziel, die landwirtschaftliche Tierhaltung in Deutschland zukunftsfest zu machen. Wichtige Bausteine sind die Schaffung von Plattformen für den Wissensaustausch sowie Konzepte, um den weiteren Verlust einheimischer Tierrassen entgegenzuwirken. Viele von diesen Rassen sind in den vergangenen Jahrzehnten jedoch fast vollständig verloren gegangen oder stehen auf der „Roten Liste der gefährdeten einheimischen Nutztierrassen“. Mit jeder Rasse geht biologische Vielfalt und damit Eigenschaften verloren, mit denen beispielsweise auf die Folgen des veränderten Klimas reagiert werden kann. Drei Tage lang bot der Kongress Verbänden, Verwaltung, Tierzucht, Tiermedizin und Praxis aus dem In- und Ausland eine wichtige Plattform für den Wissensaustausch. In Foren, Workshops und auf Panels wurde unter anderem diskutiert, wie durch alte Nutztierrassen Biodiversität erhalten werden kann, was Züchterinnen und Züchter für eine erfolgreiche Arbeit brauchen, wie man Züchtung besser fördern und wie man die Vermarktung alter Rassen verbessern kann. Dabei ging es nicht nur um Schwein, Rind, Kaninchen, Geflügel und Co., sondern auch um alte Pferderassen. FN-aktuell sprach mit Dr. Teresa Dohms-Warnecke, stellvertretende Geschäftsführerin des Bereichs Zucht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) über den Kongress.

FN-aktuell: Um was ging es bei dem Kongress?
Dr. Dohms-Warnecke: Im Wesentlichen ging es um die aktuellen Herausforderungen von Klimakrise und Biodiversitätsverlust, die auch viele Tiere in Zukunft in hohem Maße betreffen werden. Das Thema wurde dann vertieft in Veranstaltungen für die einzelnen Tierarten diskutiert. Im Themenblock Pferde ging es um spezielle Rassen, von den Schleswiger Kaltblütern aus dem Norden über die Dülmener und die Rheinischen Deutschen Kaltblütern mit den regionalen Bezügen in Nordrhein-Westfalen bis zum Schweren Warmblut in Sachsen-Thüringen.

FN-aktuell: Was genau waren die Themen rund ums Pferd?
Dr. Dohms-Warnecke: Es kamen Praktiker, Zuchtleiter und Wissenschaftler zu Wort. So referierte Zuchtleiterin Dr. Elisabeth Jensen über die praktische Umsetzung einer Erhaltungszucht des Schleswiger Kaltblutes, dessen Zuchtbuch vor 120 Jahren gegründet wurde. Rudolph Herzog von Croy berichtete vom Leben der Dülmener Wildpferde im Naturschutzgebiet. In seinem Vortrag zeigte er auf, wie sich die natürliche Selektion positiv in Bezug auf die Gesundheit der Pferde auswirkt. Gendefekte sind bei dieser wild lebenden Rasse bisher noch nie aufgetreten. Das ist bei anderen Rassen anders. An zwei Beispielen aus der Pferdezucht wurde deutlich, wie wichtig es ist, möglichst viele Informationen und Daten zu den Pferden zu sammeln, wissenschaftlich auszuwerten und die Ergebnisse dann den Züchtern zur Verfügung zu stellen. Prof. Jens Tetens, Professor in der Abteilung Genetik und züchterische Verbesserung funktionaler Merkmale an der Universität Göttingen, stellte genetische Untersuchungen zum Vorkommen von Myopathien (PSSM1) beim Rheinisch Deutschen Kaltblut vor und Dr. Wietje Nolte, Referentin für Pferdehaltung im Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie die Entwicklung einer Zuchtwertschätzung für das Sächsisch-Thüringische Schwere Warmblut.

FN-aktuell: Welche Forderungen haben die Züchter an die Politik?
Dr. Dohms-Warnecke: Zucht ist kein Selbstzweck. Die vom Aussterben bedrohten Rassen müssen auch in der Nutzung und Verwendung gezeigt werden. Es geht um die Anerkennung und Wahrnehmung ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit und Politik. Die Züchter benötigen unbedingt einen leichten Zugang in die Thematik zur Erhaltungszucht durch Beratung und Unterstützung. Um mit der Zucht solcher Rassen zu beginnen oder diese weiterzuführen, müssen bürokratischen Hürden abgebaut und finanzielle Anreize gesetzt werden. Dazu gehört auch eine Unterstützung bei der Vermarktung der Pferde. Als Beispiel für eine Erhaltungszucht wurde das Schleswiger Kaltblut vorgestellt. Im Moment stehen die Züchter vor Herausforderung, die Rasse mit ihren typischen Charaktereigenschaften effektiv und nachhaltig in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

FN-aktuell: Hat der Kongress diesbezüglich etwas ergeben? 
Dr. Dohms-Warnecke: Diskutiert wurde die Idee einer Stiftung „kulturelles Erbe“, um eine bundeseinheitliche Förderung zu etablieren. In erster Linie hat dieser erste Kongress dazu beitragen, Lösungen für die Bewahrung und Stärkung der alten und robusten Rassen zu erörtern. Das Stichwort lautet „Erhalt durch Nutzung“. Im Bereich Pferde sind zur Zeit insgesamt 13 Rassen* in einer der offiziell festgelegten Gefährdungskategorien eingestuft. Darunter befinden sich auch alte, einheimische Pferderassen mit landeskultureller Bedeutung. Die Nutzung dieser Pferde ist sehr vielseitig: von der Verwendung in der Land- und Forstwirtschaft über das Fahren und Reiten in der Freizeit bis hin zur Brauchtumspflege. In der Forstwirtschaft leisten zum Beispiel Rückepferde einen wald – und biotopschonenden Beitrag. Immer wichtiger wird der Einsatz von Pferden insbesondere von regionalen Rassen – in Naturschutz und Landschaftspflege. Ein Beispiel zeigte kürzlich die Sendung „Hallo Niedersachsen“: Mäharbeiten mit Schleswiger Kaltblütern im Göttinger Stadtwald. In Zeiten der fortschreitenden Globalisierung werden die Aspekte der regionalen Identität und des ökologischen Fingerabdrucks immer wichtiger. Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass der Kongress ein begrüßenswerter Anfang war und der Wunsch nach einer Folgeveranstaltung groß ist.“

*Als gefährdet eingestufte Pferderassen sind (in alphabetischer Reihenfolge): Alt-Württemberger, Dülmener, Lehmkuhlener Pony, Leutstettener Pferd, Ostfriesisch-Altoldenburgisches Schweres Warmblut, Pfalz Ardenner Kaltblut, Rheinisch Deutsches Kaltblut, Rottaler, Sächsisch-Thüringisches Schweres Warmblut, Senner, Schleswiger Kaltblut, Schwarzwälder Kaltblut und Süddeutsches Kaltblut.

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