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WM Vielseitigkeit 2022 in Pratoni del Vivaro – Interview mit Bundestrainer Peter Thomsen

Warendorf (fn-press). 1960 wurde auf der Geländestrecke in Pratoni del Vivaro in der Nähe von Rom um olympische Ehren geritten, ab morgen treffen sich dort die Vielseitigkeitsreiter zur WM. Für Peter Thomsen ist es das erste Championat als verantwortlicher Cheftrainer der deutschen Reiter. Den Standort Pratoni del Vivaro kennt er aber auch noch aus seiner aktiven Zeit. In den letzten Jahre war er mehrfach vor Ort und konnte miterleben, wie das italienische Pferdezentrum als Vielseitigkeitsstandort wiederbelebt wurde und sich permanent weiterentwickelt hat. Im Interview verrät er mehr zur aktuellen Trainersituation, zur Nominierung, zu Pratoni selbst und den Erwartungen. 

Sie saßen viermal selbst bei Weltmeisterschaften im Sattel, aber das ist Ihre erste WM als Bundestrainer. Wie fühlt sich das an?
Peter Thomsen: Mega spannend – wie auch als Reiter. Der Verantwortungsbereich ist jetzt natürlich breiter. Als Reiter ist man nur für sich selbst, sein Pferd und Team verantwortlich, als Bundestrainer bin ich für alle mitverantwortlich, die versuchen, sich für die WM in Szene zu setzen. Anne-Kathrin Pohlmeier hat das Dressurtraining Anfang des Jahres von Jürgen Koschel übernommen und macht das brillant. Marcus Döring ist ja schon seit 2017 Spezialtrainer im Springreiten und macht da einen super Job. Und das Geländetraining hat nach Chris Bartle dieses Jahr der Franzose Rodolphe Scherer übernommen. Er ist selbst zweimal bei Olympischen Spielen geritten und hat 1998 WM-Team-Silber gewonnen. Mein Part ist es, Reiter, Trainer und das gesamte Drumherum zu koordinieren und zu managen und da Rodolphe noch nicht jeden Tag bei uns vor Ort sein kann und ich die Reiter schon ewig kenne, mache ich das Geländetraining im Moment mit den Reitern zusammen. Das geht alles Hand in Hand.

Wieso hatten Sie gerade das französische Haras du Pin als letzten WM-Test ausgesucht?
Peter Thomsen: In Frankreich ist es sehr hügelig, das kommt Pratoni sehr nahe. So haben wir eine gute Vergleichbarkeit von allen Paaren und die Pferde haben bei dieser letzten Prüfung vor der WM auch noch mal einen Konditionsschub bekommen. In Frankreich gingen die Pferde sieben Minuten in den Hügeln, in Italien werden es zehn sein.

Den WM-Ort Pratoni kennen Sie selbst schon aus Ihrer reiterlichen Zeit sehr gut.
Peter Thomsen: Ja, ich bin da 1998 Weltmeisterschaft mit Warren Gorse und 2007 Europameisterschaft mit Ghost of Hamish geritten, war auch sonst einige Male dort am Start und habe im vergangenen Jahr Hans (Melzer) dorthin als Trainer begleitet. Ich kenne die Gegebenheiten also sehr gut und bin sicher, dass die WM im Gelände entschieden wird. Mit drei flotten Nullrunden im Gelände hätten wir ziemlich sicher eine Medaille.

Das Gelände als absolute Schlüsselrolle bei der WM?
Peter Thomsen: Ja, absolut. Das Geländeprofil in Pratoni ist sehr hügelig. Bei hügeligem Gelände hat der Aufbauer es leicht, Pferde und Reiter „aus der Balance“ zu bringen. Wir können das in Deutschland wenig trainieren, weil wir wenige Prüfungen mit hügeligem Gelände haben. Die einzige Ausnahme ist Marbach. Zwei Ecken oder eine dreifache Kombination auf ebener Strecke sind etwas ganz anderes als bergab, da kommen der eigene Körper und der des Pferdes dazu, beide „rollen“ und so wird die Balance zu einem Schwierigkeitsgrad.

Nicht zuletzt der Boden ist in Pratoni etwas Besonderes. Was hat es damit auf sich?
Peter Thomsen: Da fällt mir sofort die WM 1998 ein. Wir hatten tagelang Dauerregen und ich habe nachts kein Auge zugemacht, weil wir dachten, das wird eine Katastrophe mit dem Boden. Aber es war perfekt. Der Boden ist einfach herausragend – egal, ob es tagelang regnet oder sechs Wochen trocken ist. Der Grasboden mit Lavasand darunter gibt einem immer das Gefühl, auf einem Teppich zu reiten.

Sie haben ein klares Ziel für die WM ausgegeben …
Peter Thomsen: Ja, eine Mannschaftsmedaille, die hat Priorität Nummer eins! Wir glauben an uns und wir wissen, was wir können: Michi ist die Nummer zwei der Weltrangliste, Julia ist Olympiasiegerin und Sandra ist 2014 Weltmeisterin geworden! Wir müssen als Team auftreten und ich erwarte von den Reitern, dass sie sich notfalls auch selbst zurücknehmen, um die Mannschaftsmedaille und die Olympiaqualifikation hinzukriegen.

PM-Forum: Aber die Konkurrenz ist stark. Wen sehen Sie ganz vorne?
Peter Thomsen: Absoluter Top-Favorit ist England. Sie haben das Fünf- bis Zehnfache an Topreitern im Vergleich zu allen anderen Nationen. Das macht sie unheimlich stark.

Das Interview führte Kim Kreling für das PM-Forum, das Magazin der Persönlichen Mitglieder der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN).

Alle Informationen zur WM, dem Team, den deutschen Pferden sowie den Wettkampf- und TV-Zeiten gibt es unter www.pferd-aktuell.de/wm2022/vielseitigkeit-in-pratoni-del-vivaro.

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