Symbolbild Voltigieren (Von Catherina2 - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12032602)

Ulla Ramge: “Ich verspreche mir eine Signalwirkung an die Landesverbände”

Voltigier-Bundestrainerin Ulla Ramge über das Pilotprojekt U21, nationale Weichenstellungen und internationale Zielwettkämpfe

Warendorf (fn-press). Das Projekt U21 rückt im Voltigiersport immer mehr in den Fokus und nimmt 2021 erstmals richtig Fahrt auf. Seit 2015 gibt es für diese Altersklasse bereits einen eigenen Bundeskader. Spätestens 2023 werden erste internationale Championats-Medaillen vergeben. Hier möchte Deutschland einmal mehr Vorreiter/Vorturner sein – und bietet seinen Athleten dieser Kategorie in dieser Saison eine attraktive Serie, die beim Preis der Besten ihre erste Station erlebte. „Ich bin hoch zufrieden“, sagt Bundestrainerin Ulla Ramge. Die Warendorferin blickt zurück auf den Wettkampf in Warendorf, voraus in die Zukunft – und gibt den ambitionierten U21-Athletinnen wertvolle Trainings-Ratschläge für das entscheidende Technikprogramm.

FN-aktuell: Eine U21-Pilotprüfung sollte bereits im Rahmen der Deutschen Jugendmeisterschaften 2020 stattfinden, fiel jedoch wie alle weiteren Wettbewerbe der Corona-Pandemie zum Opfer. Nun wurde gleich im Rahmen des ersten wieder möglichen Turniers beim Preis der Besten eine eigene Prüfung ausgetragen. Das Projekt U21 steht ganz offenbar weit oben auf Ihrer Prioritätenliste?
Ulla Ramge: “Dazu gibt es von meiner Seite ein definitives Ja. Für die Zukunft gilt grundsätzlich, dass wir auf den Bereich U21 einen größeren Fokus legen wollen. Es ist die entscheidende Schnittstelle für den Übergang aus dem Junioren- in den Seniorbereich. Und diese Phase dauert in der Regel einige Jahre. Wir befinden uns mittlerweile in einem Sport, in dem manche Leistungsträger über sechs, sieben oder mehr Jahre in den internationalen Top Ten mitmischen. Da ist es für die Neulinge eine riesige Herausforderung, den Anschluss zu bekommen.”

FN-aktuell: Was sind die größten Herausforderungen der Senioren im Vergleich zum U18-Voltigiersport?
U. Ramge: Im Senior-Bereich kommt neben der klassischen Pflicht und der Kür mit dem Technikprogramm eine weitere Kategorie hinzu. In diese dritte Prüfung müssen normalerweise fünf vorgeschriebene Elemente integriert werden. In diesen anspruchsvollen Übungen liegt für viele Athleten die größte Schwierigkeit. Wir sind sehr froh, dass wir für den U21-Bereich nun eine Abwandlung geschaffen haben, bei der erst einmal nur drei Übungen gezeigt werden müssen. Da können die Voltigierer hineinwachsen.

FN-aktuell: U21 ist eine Altersklasse, die sich zwischen den Junioren – die im Verantwortungsbereich des Junioren-Bundestrainers Kai Vorberg liegen – und den Senioren, die Sie betreuen, liegt. Der Bereich tangiert beide Bundestrainer – gibt es da übergreifende Absprachen?
U. Ramge: Ganz klar ja. Der Bereich U21 fällt strukturell zwar in meinen Verantwortungsbereich. Das heißt, rein von der Planung und als Ansprechpartner bin ich zuständig, zum Beispiel in den Punkten Saisonplanung, Lehrgänge und Sichtungswege. Darüber hinaus arbeiten wir aber inhaltlich altersübergreifend, insbesondere bei Lehrgängen und Turnieren, sehr eng zusammen. Das ist aber keine Besonderheit der Altersklasse U21. Das handhaben wir mit allen Athleten so.

FN-aktuell: Welche Zukunft hat der Bereich U21?
U. Ramge: U21 wird künftig international einen höheren Stellenwert erfahren. Vom Weltverband FEI ist geplant, ein U21-Championat auszutragen. Es steht aktuell noch nicht ganz fest, ob dies schon 2022 sein wird oder erst 2023. Wir können aber sagen, dass es zeitnah geschehen wird. Dementsprechend setzen wir hier einen besonderen Fokus und wollen die Kategorie auch innerdeutsch verstärkt etablieren.

FN-aktuell: Die Etablierung wird bereits in diesem Jahr forciert – welche Wettbewerbe stehen auf dem Programm?
U. Ramge: Wir haben – und das ist der Kern unseres Konzeptes – eine kleine U21-Serie für diese Saison ins Leben gerufen. Neben dem Auftakt zum Preis der Besten wird es auf der Deutschen Juniorenmeisterschaft (in Timmel, 16. – 19. September 2021) eine U21-Pilotprüfung geben. Zudem können ambitionierte Athleten auch bei der Deutschen Meisterschaft in Verden (24. – 26. September 2021) antreten. Dort wird es dann zwar keinen eigenen Wettbewerb geben, aber anhand der Ergebnisse wird rechnerisch schließlich ein Gesamtsieger ermittelt. Damit wollen wir die nationalen Weichen stellen für ein mögliches baldiges Championat. Als einzige Altersklasse dürfen die U21-Voltigierer an beiden Meisterschaften (Junior-DM und DM) teilnehmen. Dadurch bieten wir den Athleten mehrere Highlights, mit denen sie die Zeit, bis es international auch ein Championat geben wird, gut überbrücken können.

FN-aktuell: Siegerin in Warendorf wurde Kathrin Meyer vom Landesverband Schleswig-Holstein. Wie schätzen Sie ihre Leistung ein?
U. Ramge: Kathrin hat sich in den vergangenen Jahren sehr konsequent weiterentwickelt. Sie war bereits eine gute Juniorin und ist einige Male nur haarscharf an einer Championatsteilnahme vorbeigeschrammt. Sie hat in den letzten Jahren viel getan, sich konsequent weiterentwickelt und ist vor allem mit ihrem Pferd San Classico in Harmonie gekommen und zusammengewachsen. Das hat sie mit ihrem souveränen Sieg eindrucksvoll gezeigt und ihre Stärken voll ausgespielt. Für diesen Übergang hat sie etwa drei Jahre gebraucht. Eine solche Entwicklung würden wir demnächst gern noch etwas beschleunigen.

FN-aktuell: Gab es für Sie Überraschungen im Starterfeld?
U. Ramge: Viele Athleten hatten wir Corona-bedingt noch nicht auf einem Turnier oder einem Lehrgang gesehen. Von daher gab es tatsächlich Überraschungen. Alice Layher (LV Baden-Württemberg) auf Rang drei war eine dieser Athletinnen, die im positiven Sinn auf sich aufmerksam machen konnte. Sie hatten wir bislang noch nicht auf dem Schirm. Ebenso die zweitplatzierte Sema Hornberg (LV Bayern), die im vergangenen Jahr verletzt war und die wir nun aufgrund ihrer wirklich überzeugenden Leistungen in den U21-Kader nachberufen haben.

FN-aktuell: Insgesamt haben die Landesverbände elf Teilnehmer geschickt. Sind sie mit diesem Aufgebot zufrieden?
U. Ramge: Ich bin vor allem hoch zufrieden, dass wir den Wettbewerb jetzt schon so kurzfristig etabliert haben. Das halte ich für ganz entscheidend und wichtig, vor allem vor dem Hintergrund, was wir künftig international vorhaben. Da war es hervorragend, dass wir es dieses Jahr schon umsetzen konnten. Und besonders positiv ist für uns, dass sich die Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport engagiert und unterstützt. Das ist vor allem für Voltigierer in diesem Altersbereich wichtig, die beruflich noch nicht fertig sind und sich in Ausbildung oder Studium befinden. Diese Sportler können erfahrungsgemäß noch keine Seniorentitel sammeln und entsprechend auch nicht auf Sponsorengelder hoffen.

FN-aktuell: Die Herren der Schöpfung suchte man diesmal im Bereich U21 noch vergebens …
U. Ramge: Leider. Der Herren-Kader ist da aktuell etwas ausgedünnt. Auch unser Hoffnungsträger Gregor Klehe aus Ingelsberg legt seinen Fokus in diesem Jahr auf die Gruppe und nahm nicht teil. Aber auch das ist ein weiterer Grund, sich mehr zu fokussieren und zu kümmern, damit wir künftig auch im Herrenbereich qualitativ und quantitativ gut dastehen.

FN-aktuell: National steht der Wettbewerb U21 auf Bundesebene gut da. Wie sieht es mit dem internationalen Angebot an Prüfungen aus?
U. Ramge: Wir wünschen uns da ehrlich gesagt deutlich mehr. Das Ziel war eigentlich, dass Veranstaltern von internationalen CVIs eine Ausschreibung von U21-Prüfungen vorgeschrieben wird. Leider ist dieser Passus verschwunden. Das Ergebnis ist, dass es kaum jemand ausschreibt.

FN-aktuell: Kathrin Meyer überraschte in ihrem Technikprogramm, in dem sie bereits nahezu alle fünf vorgeschriebenen Elemente integrierte. Taktisch ein guter Schachzug?
U. Ramge: Das sehe ich immer ganz individuell. Wenn es jetzt um die Vorbereitung auf ein Championat geht, würde ich anders beraten. Prinzipiell ist es ja so, dass man alle Elemente zeigen kann, aber nur drei Übungen zeigen muss. Für Kathrin ist es vor dem Hintergrund, dass sie nächstes Jahr bereits 22 ist, gut und taktisch klug. Auf diese Art hat sie schon jetzt mehr im Wettkampfprogramm zeigen können. Das sind aktuell wertvolle Möglichkeiten. Denn so viele Wettkämpfe haben wir ja auch dieses Jahr leider nicht. Bei Athleten, die zwei Jahre jünger sind und möglicherweise ein Championat anstreben, würde man es taktisch etwas anders angehen.

FN-aktuell: Wie war das Grundniveau im Technikprogramm über das gesamte Starterfeld betrachtet?
U. Ramge: Es gab Licht und Schatten. Ich denke aber, insgesamt können wir wirklich zufrieden sein. Einige waren noch ein wenig überfordert. Das zeigt mir aber auch, wie wichtig es ist, noch mehr zu fördern. Für den Preis der Besten wurden die Vertreterinnen ja von den einzelnen Landesverbänden geschickt und nicht nur von Bundestrainerseite aus nominiert. Da ist es gar nicht verwunderlich, dass wir nicht nur Top-Leistungen gesehen haben. Ich hoffe dennoch, dass der Wettbewerb nun einen großen und spürbaren Motivations- und Aufforderungsscharakter hat. Die Landesverbände haben eine Möglichkeit mehr, ihre Voltigierer zu einem Bundeswettbewerb zu schicken. Ich denke, ein künftiges Starterfeld von zwölf bis 15 Athleten wäre ideal. Diesmal hatten wir elf Vertreterinnen. Damit können wir zufrieden sein und das finde ich auch richtig klasse. Ich bin überzeugt, dass diese Motivation über die nächsten Jahre hinweg greifen wird. Es ist ein Bundeswettbewerb und da geht es hoch her und da verspreche ich mir eine Signalwirkung an die Landesverbände.

FN-aktuell: Welchen Trainingstipps geben Sie den U21-Athleten für das Training – speziell in Bezug auf das komplexe Technikprogramm?
U. Ramge: Für das Technikprogramm ist es wichtig, ähnlich wie in der Pflicht sehr methodisch vorzugehen. Das wird aus meiner Sicht oft noch zu sehr angegangen wie Kürübungen – also einfach mal mal ausprobiert und entweder es klappt oder noch nicht. Soweit ich das beurteilen kann, findet diese Form des Trainings noch zu wenig statt. Da muss noch mehr Akribie und Sorgfalt hineingelegt werden, um schneller zum Erfolg zu kommen.
Das Interview führte Daniel Kaiser.

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